Liebe Vorsitzende und Vorstandsmitglieder der Landsmannschaft der Deutschen
aus Russland e.V.!
Ich bin zwar kein Mitglied Ihres Vereines, aber einige Ziele Ihrer Satzung liegen mir doch sehr am Herzen:
- Betreuung und Beratung der Landsleute.
- Förderung des landsmannschaftlichen Zusammenhalts, des Kulturgutes und
Brauchtums.
- Förderung der Jugend bei der schulischen, beruflichen, gesellschaftlichen
und kulturellen Eingliederung.
(Ich denke dabei besonders an die inhaftierten jungen Männer. Die bedürfen
der Förderung am meisten und dürfen von der Landsmannschaft auf keinen
Fall vergessen werden!)
Am Wochenende vom 8. bis zum 10. Juli nahm ich an folgender Fortbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiter im bayerischen Strafvollzug in Straubing teil:
Russlanddeutsche Gefangene
Die Lebenswelt von Gefangenen - Subkulturen
Anna Hoffart, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der JVA Eichstätt, zeigte in ihrem Vortrag, dass ihre eigenen Probleme, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, exemplarisch sind für die Probleme der Russlanddeutschen. Zwei Drittel ihres Lebens lebte sie in Russland und Kasachstan und ein Drittel nun in Deutschland. In ihrem Vortrag ließ sie uns miterleben, mit welchen Problemen ihre Landsleute zu kämpfen haben. Diese kämpferische und gebildete Frau hat die Integration geschafft. Nicht jeder Mensch ist so stark wie sie. Aufgrund ihrer Ausführungen kann ich mir vorstellen, dass viele ihrer Landsleute vor unlösbaren Aufgaben gestanden haben und weiterhin stehen.
Frau Hoffart befragte Deutsche (Bedienstete in einer JVA und Angestellte im Rathaus in Ingolstadt) über ihr Bild von den Russlanddeutschen. Einige Aussagen gebe ich hier nun wieder:
Die Russlanddeutschen
- sind keine Deutschen, sie können nicht deutsch sprechen,
- sind ein Milliarden-Grab,
- sind uneinsichtig und gewalttätig,
- sind innerhalb ihrer Subkultur nicht erreichbar,
- sind in der Kriminalität die Nummer 1 und Sozialhilfeempfänger,
- sind ehemalige deutsche Auswanderer.
Die Befragung der Russlanddeutschen ergab folgende Aussagen:
- Die Deutschen sind genauso wie du und ich, kein bisschen anders.
- Die deutsche Nation hat viele positive Eigenschaften.
- Es gibt viele Gründe, warum es mit uns Russlanddeutschen immer
mehr abwärts geht. Es ist wichtig, aufeinander zuzugehen. Leider
kennen die Deutschen unsere Tragödie nicht!
- Die Deutschen sind sehr interessiert und gut erzogen.
- Ich werde bald kriminell, helft mir!
- Machen Sie schneller, ich kann bald nicht mehr!
Eine Aussage eines Russlanddeutschen trifft den Nagel auf den Kopf:
„Es gibt viele Gründe, warum es mit uns Russlanddeutschen immer
mehr bergab geht. Leider kennen die Deutschen unsere Tragödie nicht!“
Von dieser Aussage fühle ich mich angesprochen und inspiriert. Es wäre
schön, wenn meine deutschen Landsleute über die Tragödie der
Russlanddeutschen mehr wüssten. Es kommt aber auch darauf an, dass die
Russlanddeutschen die neue Gesellschaft kennen lernen und hier ankommen und
heimisch werden wollen. Wenn Menschen in einer Gesellschaft nicht ankommen,
dann sind und bleiben sie Außenseiter und isoliert und leben dann nur
in ihrer Subkultur. Der Weg in die schlimmste Isolation, ins Gefängnis,
ist dann mehr oder weniger fast eine logische Folge. Diesen Teufelskreis gilt
es aufzubrechen, damit das Leben gelingen kann.
In zwei Auswanderungswellen gingen Deutsche nach Russland.
Wenn wir von den Wolgadeutschen sprechen, dann sollten wir eigentlich wissen,
dass es sich bei ihnen um die erste Welle der Auswanderer nach Russland handelt.
Menschen, die Not und Hunger kannten, folgten dem Aufruf Katharinas der Großen.
Sie versprach den Menschen an der Wolga nicht nur eine neue Heimat, sondern auch
Privilegien wie z.B. steuerliche Vergünstigungen und Selbstverwaltung. Die
Wolgadeutschen kamen um 1800 in ihre neue Heimat.
Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um die Schwarzmeerdeutschen. Sie kamen
ungefähr 50 bis 60 Jahre später im Wesentlichen aus Lothringen und dem
Elsass. Während es sich bei den Wolgadeutschen eher um Protestanten handelte,
waren die Schwarzmeerdeutschen im Wesentlichen Katholiken.
Die Tragödie für die Deutschen in Russland begann mit dem Ausbruch des
Ersten Weltkrieges. Niemand kann bestreiten, dass die beiden Weltkriege vom Deutschen
Reich begonnen wurden. Als im Ersten Weltkrieg an der Ostfront die Niederlage drohte,
schleusten die Deutschen den Revolutionär Lenin in St. Petersburg ein. Ihre
Erwartung, dass der eine Revolution auslösen würde und die Soldaten dem
Zaren davonlaufen würden, erfüllte sich. Der Krieg in Russland wurde auf
diese Weise, mit dem Sturz des Zaren, auch gewonnen. Wie wir alle wissen, war dieser
Sieg gegen das zaristische Russland aber nicht kriegsentscheidend. Im Westen konnte
Deutschland gegen die Übermacht der „Feinde“ nicht gewinnen. Also war der
Trick mit Lenin, der aus Russland schließlich das riesige Reich der kommunistischen
Sowjetunion machte, weder gut noch segensreich für die Menschen Russlands und
auch nicht für die ganze Welt.
Niemand wird bestreiten, dass es viele Leidtragende der Kriege gab und noch immer gibt.
Die Hauptleidtragenden der beiden Weltkriege waren die Deutschen in Russland. Sie
wurden für die Aggression der alten Heimat (des Deutschen Reiches) in ihrem Leben
dreimal, durch Enteignung, Entwurzelung, Wegnahme der Heimat, bestraft. Nach dem Ersten
Weltkrieg wurden sie von den Kommunisten enteignet. Viele Russlanddeutsche wanderten
nach Kanada und Sibirien aus.
Im Zweiten Weltkrieges kam es für die Deutschen in Russland noch schlimmer. Mit dem
Vormarsch der Roten Armee mussten die Menschen den inzwischen wieder erlangten Besitz
verlassen bzw. im Stich lassen. Dies war die zweite Enteignung. Die Aussiedlung nach
Deutschland kommt einer dritten Enteignung nahe.
Viele Russlanddeutsche kamen mit dem Rückzug der Wehrmacht im Jahre 1944 nach mehr
als 100 Jahren in die Heimat der Väter, nach Deutschland, zurück. Die Sowjets
ließen diese Leute aber nicht so einfach davonkommen und nahmen sie wieder mit in
die Sowjetunion. Die Familie von Anna Hoffart kam aber nicht wieder in ihre alte Heimat
ans Schwarze Meer, sondern wurde in Archangelsk an der Barentssee, am Polarmeer, angesiedelt.
1963 wurden sie erneut zwangsumgesiedelt. Den Angeboten Tadschikistan, Kirgisien zog die
Familie schließlich Kasachstan vor. Dort lebten sie dann in einer Multikulti-Gesellschaft.
Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, mit Russen, Tschetschenen, Griechen, Koreanern und
eingeborenen Kasachen zusammenleben. Es gab nur einen Weg der Verständigung - alle
mussten Russisch sprechen. Es war die einzige Möglichkeit um weiterzukommen. Die
Eltern, die durch ihre deutsche Sprache und ihre deutsche Volkszugehörigkeit so
schrecklich gelitten haben, empfahlen ihren Kindern: „Kinder, schaut zu, dass ihr
schnellstmöglich russisch sprecht.“
In Russland wurden diese Menschen wegen ihrer Volkszugehörigkeit und Sprache als
Deutsche beschimpft. Nun kommen sie zu uns und werden wegen ihrer anderen Sozialisation
und Sprache als Russen beschimpft. Dabei möchte doch jeder Mensch so angenommen
und geschätzt werden wie er ist.
Die Ausreise wird nicht immer von allen Familienmitgliedern mitgetragen. Viele
Jugendliche werden von ihren Eltern einfach mitgenommen. Sie reisen im Alter zwischen
12 und 16 Jahren ein, kurz vor bzw. bereits in der Pubertätsphase. Gleichzeitig
muss der Jugendliche den Lebensweg finden. Jeder ehrliche Mensch wird zugeben, dass
dies auch ohne Entwurzelung schon sehr schwer ist. Die Folge der mangelnden Sprachkenntnisse:
keine Ausbildung, keine Arbeit, Langeweile, Trennungsschmerz, Angst vor allem Neuen,
keine Akzeptanz von den einheimischen Jugendlichen. Sind sie in der Schule schwach,
dann sind sie blöd. Sind sie dagegen gut, dann eben auch gleich zu gut und sie
werden ebenso wie die „Blöden“ ausgeschlossen. Die meisten Eltern kommen hierher
und verlieren ihren beruflichen Status, sie werden arbeitslos. Ihre Qualifikationen
sind bei fünf Millionen Arbeitslosen nicht gefragt. Zudem stehen die Eltern unter
dem Stress des Umzuges und auch die Unwissenheit, sich in dieser fremden, komplizierten
Welt zurechtzufinden, ist groß. Der Einfluss der Eltern nimmt rapide ab. Frau
Hoffart sagte, dass viele Kinder zu ihr in die Beratung kommen mit dem Ziel, wieder
ins Ursprungsland zurückzukehren, diesmal ohne die Eltern. Überall hören
sie: „Du bist kein Deutscher, überall müssen sie es beweisen, das nervt."
So wird ein Selbstwertgefühl nicht aufgebaut. Der Weg, den nicht wenige gehen,
Bildung von Gangs, leichte Diebstähle, schwere Diebstähle, ... führt
in den Knast und ist ein schlimmer, leidvoller Irrweg.
Gründe für die entstehende Kriminalität sind:
- Aufwachsen in Armut und sozialer Randständigkeit. Eltern bekommen wegen
mangelnder Sprachkenntnisse keine Arbeit.
- Zugehörigkeit zu einer Migranten- oder Minderheiten-Gruppe (Schutz- und
Wehrreaktion).
- Besonders belasteter familiärer Hintergrund (Rolle der Frau in der Familie.
Sprichwort „Der Mann ist das Haupt der Familie und die Frau ist der Hals,
die das Haupt bewegt. Seitdem sie in Deutschland leben, gibt es viele
Scheidungen, weil die Frauen die Angst verlieren.
- Erfahrung von sozialer Ausgrenzung (Ausgrenzungserfahrungen und
fehlende Anerkennung in der Schule, Berufsausbildung oder beim
Zusammenleben mit den Einheimischen).
- Ungünstige Wohnbedingungen und keine Freizeitangebote (günstig
Sport, Gespräch mit Jugendlichen).
- Unterbringung in Übergangswohnheimen (eigene Erlebnisse).
- Einbindung oder Nähe einer Clique von männlichen, gewalt-
bereiten Jugendlichen (Anerkennung, eigene Normen, leben wie früher).
In der Sowjetunion gab es kein Privateigentum, alles gehörte dem Staat, nicht den
Menschen. Im gesamten ehemaligen Ostblock galt die Devise: „Wer den Staat nicht bestiehlt,
bestiehlt seine Familie.“ Dies muss man nicht gutheißen, aber es ist vielleicht
verständlich, dass die Menschen, denen der Staat vorher alles weggenommen hat,
sich anschließend nicht besonders schuldig gefühlt haben, als sie sich Teile
dessen was ihnen weggenommen wurde, wieder zurückgeholt haben. So entwickelte sich
eine Einstellung, in der nicht das Schätzen im Vordergrund stand, sondern das Klauen.
Not und Armut haben sicherlich zur Verwilderung der Sitten beigetragen. Jeder von uns
würde wahrscheinlich stehlen gehen, um seine Kinder zu ernähren. Es entwickelte
sich bei den Russlanddeutschen in diesen schwierigen Zeiten eine Kultur des Miteinanders.
Nur durch Zusammenhalten lebt man. Dieses Bewusstsein ist uns durch den steigenden Wohlstand
und durch Individualismus und Egoismus verloren gegangen. Wenn man ums Überleben
kämpft, dann werden andere Dinge wichtig als bei von Jahr zu Jahr steigendem Wohlstand.
Im ersten Fall werden die Familie, die Freunde und die Nachbarn wichtig und es entwickeln
sich Sprichwörter wie „Lieber 100 Freunde als 100 Rubel!“
Bei steigendem Wohlstand verliert eine Gesellschaft ihre Gemeinschaftsfähigkeit und
die Menschen werden immer individualistischer und egoistischer. Nun fordern wir, die
deutsche Gesellschaft, dass sie sich an unsere Werte anpassen, dass sie sich integrieren.
Dies wird geschehen, denn sie haben gar keine andere Chance. Wenn sie es nicht tun, bleibt
ihnen wieder nur der Weg in die Gettoisierung, aus der sie ja erst in der letzten Generation
entkamen, als sie sozusagen zu „Russen“ wurden.
Aufgrund dieser Erfahrungen erlebten die Menschen eine andere Sozialisation als bei uns.
Aussiedler sind auf Grund ihrer Mentalität sehr gastfreundlich und insgesamt sehr
freundlich zu ihresgleichen: „Wenn ich einem Landsmann helfe, dann wird mir auch geholfen,
wenn ich einmal etwas brauche".
Probleme zu lösen gilt als Privatsache. Deshalb geht keiner zur Polizei und macht
eine Anzeige. Für Aussiedler ist es nicht klar, dass man mit der Polizei reden kann,
dass die Polizei Freund und Helfer sein kann und tatsächlich ist. Da die Polizisten
in Russland sehr schlecht bezahlt sind, ist Korruption an der Tagesordnung. In Russland
kann man alles kaufen. Da wird einem Russlanddeutschen, der wegen seines deutschen
Führerscheins bei einer Kontrolle in Moskau Probleme bekam, von einem Polizisten
der Vorschlag gemacht, sich doch einen russischen Führerschein zu kaufen. Mit Bakschisch
ist alles möglich. So wie der Nationalsozialismus viele Menschen seelisch und moralisch
zerstört hat, so haben auch die 70 Jahre Kommunismus vieles bei den Menschen zerstört.
Für die Zerstörung unserer Menschen haben wir Verständnis, für die Probleme
der Menschen, denen die Zerstörung durch den Kommunismus angetan wurde, haben wir dagegen
weniger Verständnis.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion brachen für alle Sowjetbürger wirklich schlimme
Zeiten herein. Der von uns Deutschen so heißgeliebte Michail Gorbatschow brachte mit
Glasnost und Perestroika dieses totalitäre, kommunistische Weltreich zum Einsturz. Uns
Deutschen brachte es nach 40 Jahren Teilung die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. An
die Stelle des alten funktionierenden Systems traten in der Sowjetunion Staatenlosigkeit,
Anarchie (keiner war mehr für irgend etwas zuständig), Perspektivlosigkeit, Kampf
ums Überleben, erhöhte Kriminalität, für sich und eigene Familie stark
sein.
Dort wo Menschen ums Überleben kämpfen, entstehen Gemeinschaftsdenken und
Solidarität. Dort wo Menschen immer wohlhabender werden, wuchern Entsolidarisierung und
Isolation. Verlangen und fordern wir von den Russlanddeutschen nicht zuviel, wenn wir ihre
Integration fordern? In diesem Fall bedeutet unsere Forderung doch, dass sie ihre
Gemeinschaftsfähigkeit aufgeben und so egoistisch und individualistisch werden, wie
wir sind. Wünschen wir uns tatsächlich, dass sie so werden wie wir, oder sollten
wir nicht von ihnen auch etwas lernen, nämlich Gemeinschaftsfähigkeit? Die
Russlanddeutschen hätten uns in dem Bereich durchaus etwas anzubieten. Langsam entwickelt
sich in unserem Land ein Bewusstsein, dass unsere Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg
nicht nur positiv war.
Beratende Institutionen gab es in der Sowjetunion nicht, also hat man sich auf die Familie und
Freunde verlassen. Wie Pech und Schwefel hält man treu zusammen. Der Freund ist sehr viel
wert. Man verpetzt nicht. Spätaussiedler haben ein anderes Lebensgefühl und andere
Vorstellungen von der Normalität als die Einheimischen. Sie kommen aus einem Land, wo es
viel zu tun gibt, um den Alltag zu bewältigen (Lebensmittel beschaffen, Wasserpumpe
reparieren, Tausch, Zwischenhandel, den Freunden, der Verwandtschaft helfen). Hier ist alles
ziemlich simpel, sieht man vom Dschungel der Bürokratie ab - ohne besondere Sprachkompetenz
ist das besonders schwer. Das Einkaufen ist schnell gemacht, Waschmaschine wäscht usw.
Es bleibt viel Zeit und wenig Geld.
Was normal und was angenehm ist, davon haben die Aussiedler andere Vorstellungen: Für
die Jugendlichen ist es normal, nach erledigten Pflichten zu Hause schnell zu essen und marsch
ins Freie zu stürzen, zu den Freunden (Hof, Spielplatz, Sport, immer gemeinsam in Gruppen).
Man stand zusammen oder saß in der Hocke, man spielte Gitarre, sang dabei, scherzte,
lachte und alles laut. Wenn man was dabei hatte, hat man das zusammen getrunken. Die Hochzeiten,
Geburtstage, Silvester und Frauentag werden mit vielen Leuten, Musik und Tanz verbracht, man
ging aus sich heraus. Alles musste im Überfluss sein, sowohl Alkohol als auch das Essen.
Bei der Feier gab es immer Auseinandersetzungen, aber selten wurde die Polizei gerufen, und wenn,
dann fand sie kein Opfer und keine Schuldigen. Anna Hoffart: „Man saß da und wartete, bis
sich jemand prügelte; ohne das war es keine richtige Feier.“
Ich bin ehrenamtlicher Mitarbeiter in der JVA Bamberg und habe seit einigen Monaten das
Bedürfnis, für die jungen Menschen mit russischer Sprache etwas zu tun. Die
Normen der russischen Subkultur erschweren den Justizbeamten zweifellos ihre Arbeit.
Der Leiter der JVA Landshut, Herr Amannsberger, wollte in Landshut einen Integrationskurs
anbieten. Um das interne Machtgefüge aufzubrechen und den Einzelnen die Möglichkeit
zur Eingliederung zu geben, sollte der Integrationskurs stattfinden. Diesen Kurs sollten ein
ehemaliger Lehrer aus Landshut und eine aus Russland stammende Lehrerin leiten. Neben der
deutschen Grammatik sollten auch Kenntnisse in Mathematik und Sozialkunde vermittelt werden.
Unterrichtet werden sollten die Grundlagen der deutschen Demokratie und das deutsche
Sozialversicherungssystem. Von den 42 Gefangenen mit russischer Muttersprache war nur
einer zu dieser Fortbildung bereit.
Ich bin ein ehemaliger Berufsschullehrer und habe an der Berufsschule u.a. viele Jahre
Sozialkunde unterrichtet. Ich habe die Probleme junger Russlanddeutscher hautnah kennen
gelernt und möchte deshalb diesen jungen Menschen helfen, sich in dieses Land zu
integrieren, ohne ihre Identität aufzugeben. Einige Voraussetzungen bringe ich
sicherlich mit, und zudem kostet mein Engagement dem armen Staat kein Geld.
Wenn mich die jungen Gefangenen fragen würden, wie ich denn auf die Idee käme,
für ihre Integration der richtige Mensch zu sein, dann würde ich ihnen antworten:
1. Ich bin 1947 geboren und auf dem bayerischen Land aufgewachsen. Ich habe eine sehr
ähnliche Sozialisation wie Sie durchlaufen: Härte, Stärke, Mannsein, Ehre,
Feste feiern, Trinkfestigkeit. Mein Mater hat 1942 bei Kiew seinen rechten Arm verloren
und hat sein Schicksal als kleiner Landwirt nur mit übermäßigem Alkoholgenuss
meistern können.
2. Ich weiß aus eigenem Erleben, wie stark die Sozialisation einen Menschen prägt.
Nur mit sehr viel Glück und Offenheit und Hilfe von außen und mit Gnade kann man
sich von falschem Denken lösen.
3. Ich weiß, wie wichtig Menschen sind, die einem im Leben weiterhelfen. Vier
Menschen haben mir sehr geholfen. Ohne diese Menschen wäre ich heute nicht als Ehrenamtlicher
im Strafvollzug tätig. Wir werden menschlich durch Menschen! Aufgrund der Tatsache, dass
mein Vater ein Kriegsopfer und -krüppel war, mussten wir Kinder jeden Tag von früh bis
spät auf dem Hof arbeiten. Ich weiß, dass die Russlanddeutschen Kriegsopfer sind, ich
bin auch ein Opfer dieses Krieges. Aufgrund meiner Sozialisation war ich ein sehr schwieriger
wehrpflichtiger Soldat. Und dann geschah ein Wunder – gerade bei der Bundeswehr traf ich 1969
den Mann, der mich formte und bildete wie kein anderer. Er rief mich heraus aus meiner
Isolation: „PzKan Modlmair vortreten!“ Mein Herz blieb vor Schreck fast stehen, denn ich
wusste in diesem Moment, dass mich mein Freund, Hauptmann Kempf, nach 15 Monaten befördern
wollte. Ich wollte wirklich nicht befördert werden, auch nicht für mehr Sold. Aber
wenn ich mich von ihm nicht hätte befördern lassen, dann hätte ich diesen meinen
Freund und wahren Menschenfreund enttäuscht – und das wollte ich nicht, und so trat ich vor,
heraus aus meiner Isolation. Vielleicht waren diese Schritte die wichtigsten Schritte meines Lebens?
4. Ich weiß, dass der Name Gorbatschow für die Russen nicht den guten
Klang hat wie für uns Deutsche. Mit seinem Satz, „Wer zu spät kommt, den bestraft das
Leben“, hat er aber Recht. Jeder von uns, auf der ganzen Welt, muss offen werden für die
Chancen des Lebens (GLASNOST) und wir müssen jeden Tag bereit sein, aus unseren Fehlern zu
lernen und unser Leben zu gestalten oder umzugestalten (PERESTROIKA). Diese Forderungen waren
schon immer wichtig und richtig, nicht erst seit Gorbatschow. Er hat es halt ausgesprochen und
ist dafür berühmt geworden.
Helfen wir doch den jungen Männern in den Gefängnissen, dass sie nach ihrer Entlassung
nicht zu spät kommen und wieder rückfällig werden und ihr Leben nicht endgültig
verpfuschen. Ich weiß, wovon ich spreche. Einer der berühmtesten Verbrecher der
Nachkriegszeit, Theo Berger, der „Al Capone vom Donaumoos“ war sehr ähnlich sozialisiert
wie die jungen Russendeutschen. Er zeigte vor Autoritäten und der Polizei keinen Respekt.
Er akzeptierte keine Autorität, und so fehlte ihm die Autoritätsenergie, ohne die wir
keine Kraft für ein gelingendes Leben haben. Ich war vier Jahre sein Betreuer. Kurz vor
seinem Selbstmord nach fast 40 Jahren Knast schrieb er mir: „Mann, ich bin 62 Jahre alt. 39
hocke ich davon schon im Knast. Mein Leben ist vorbei. Was soll ich mich noch abstrampeln?
Es ändert nichts, weil sich das „Lebensrad“ nicht zurückdrehen lässt, um eine
neue Spur fahren zu können.“ Der Mann war durch seine Sozialisation so programmiert, dass
er sich nicht ändern konnte. Aber es hat ihn auch niemand zur richtigen Zeit aus seiner
Isolation herausgerufen, von seinen falschen Weg weggelockt. Vor allem hat ihm niemand gesagt
und vorgelebt, dass man nicht stark und hart sein muss.
Ich bin ein Ehrenamtlicher und möchte diese jungen Menschen vor einer Katastrophe bewahren.
Das Schicksal Theo Bergers ging mir wirklich unter die Haut. Es soll sich auf keinen Fall
wiederholen. Auch ich wurde durch meine Männlichkeitserziehung ein ganz harter Brocken.
Das Leben hat mich aufgebrochen und weich gemacht. Ich möchte den Gefangenen den Satz der
Frau Hoffart vorleben: „Man muss nicht stark sein, man muss Mensch sein!“ Jeder Mensch möchte
mit seinem ganzen Hintergrund respektiert werden. Ich möchte den jungen Menschen mit
russischer Sprache helfen, dass sie aus ihrer Isolation herauskommen und in dieser Gesellschaft
ankommen. Dazu brauchen sie Hilfen, und sie müssen auch bereit werden, Hilfen anzunehmen.
Was hat dieser eine Russlanddeutsche in der Befragung der Frau Hoffart doch gesagt: „Leider
kennen viele Deutsche unsere Tragödie nicht.“ Ich möchte helfen, dass die jungen
Männer ein Bewusstsein für ihre eigene Geschichte und für die Geschichte
Deutschlands bekommen. Die Tragödie und die Leiden der Eltern und Großeltern in der
Sowjetunion setzen sich bei den jungen Menschen in den Gefängnissen der Bundesrepublik
Deutschland fort.
Ich möchte den jungen Menschen in den Gefängnissen helfen. Wie können wir an
die jungen Gefangenen herankommen, damit es uns nicht so ergeht wie Herrn Amannsberger in der
JVA Landshut, wo die jungen Menschen mit russischer Muttersprache sich der Integration schlicht
verweigert haben? Wie können wir erreichen, dass wenigstens für 50 % der Gefangenen
diese Inhaftierung eine unerfreuliche, einmalige Episode in ihrem Leben bleibt und dass sie
danach in dieser Gesellschaft ankommen wollen, in der sie nun einmal leben.
Soll man mit den Eltern der Gefangenen Kontakt aufnehmen? Bringt es etwas, jedem Gefangenen
solch einen ähnlichen Brief zu schreiben und danach von ihm mit Erlaubnis der Leitung
der JVA zu einem Gespräch ins Gefängnis eingeladen zu werden? Selbstverständlich
bin ich auch bereit, mit erwachsenen Russlanddeutschen zusammenzuarbeiten, für die es eine
Katastrophe ist, dass ihre jungen Männer und Söhne im Knast sitzen. Ich bin auch
für alle Impulse offen, die den jungen Menschen im Knast weiterhelfen können. Gespannt
erwarte ich Ihre Ideen.
Mit freundlichen Grüßen
G. M.